Rückenschuss beim Angriff auf Fresnoy

In den Morgenstunden des 08.05.1917 beginnt Franz Macks 21. Infanterie-Regiment einen Sturmangriff auf das winzige französische Dörfchen Fresnoy. Bei diesem Angriff trifft ein Granatsplitter aus deutschen Artillerierohren Franz in der Kreuzbeingegend und verletzt dabei auch Nervenkanäle.

Franz verbringt darauf 16 Monate lang in Lazaretten. Der Granatsplitter wird ihm bereits im Juli 1917 zu Hause (an der technischen Hochschule München) herausoperiert. Die Verletzung beendet seine Laufbahn beim Militär. Franz Mack ist nicht mehr diensttauglich und muss deshalb nicht mehr zurück in den Schützengraben.

Über die Vorgeschichte der Erstürmung von Fresnoy heißt es in Rebers Erinnerungen des 21. Infanterie-Regiments, dass der Ort bei einem “Massenangriff” zu einem “Trümmerhaufen” zerschossen und den Engländern samt anliegender Gräben in die Hände gefallen war, woraufhin Franz’ Regiment den Befehl zur Wiedereroberung erhalten hatte.

In der zerschossenen Kirche (im ca. 50 Kilometer von Fresnoy entfernten Beaumont, C.M.) wird in der Frühe des 6. (Mai 1917) noch ein kurzer Gottesdienst abgehalten. Vorne im Chor geht das heilige Opfer vor sich, im Kirchenschiff liegt an zerklüftetem Gemäuer ein Häuflein von 30-40 meist schwer verstümmelten Soldatenleichen, die den im Gotteshause Versammelten mit greifbarem Ernst die Frage in’s Bewußtsein drängen: “Morgenrot, Morgenrot, leuchtet mir zum frühen Tod?” (…)
Die Anordnung, dass Brunnenwasser nur im gekochten Zustand genossen werden darf, ruft Erinnerung an die Somme wach (…)

In der “kühlen, mondhellen” Nacht vom 06. zum 07. Mai und den ganzen 07. Mai hindurch wird Fresnoy von der deutschen Artillerie sturmreif geschossen. Über die Wirkung des Zerstörungsfeuers der über 20 zum Teil schweren Feldhaubitzen, 10 cm-Kanonen und Mörser-Batterien, die von der Artillerie der Nachbardivisionen noch unterstützt werden, heißt es:

Den ganzen Tag über ist Fresnoy und das den Ort umgebende Gelände in Feuer, Rauch und Wolken dunkel aufquellender Erdmassen gehüllt. Ein gewaltiges Dröhnen erschüttert die Luft. Bleiben auch die englischen Geschütze die Antwort nicht schuldig, so hat doch jeder die Empfindung, daß sie den unsrigen unterlegen sind.

Am frühen Morgen des 07. Mai rückt die Infanterie vor, findet nach dem verheerenden Artilleriefeuer aber kaum noch intakte Gräben zum Schutze vor, weshalb noch eilig so gut es geht geschanzt werden muss.

Unterschlupfe irgendwelcher Art sind nicht vorhanden. Die Maschinengewehre und Minenwerfer, die keinen Graben vorfinden, bauen große Granattrichter zu Stellungen aus.

In der Nacht vom 07. zum 08. Mai wiederholt sich das deutsche Zerstörungsfeuer und es kommt auch Giftgas gegen die Engländer zum Einsatz. Franz’ Regiment mit einer Einsatzstärke von 75 Offizieren und 2.700 Mannschaften rückt nun in die Angriffsstellung vor. Reber schreibt darüber:

Eine Frage auf Leben und Tod ist es, ob unser Anmarsch und unsere Entwicklung zum Sturm dem Feinde verborgen bleiben. Bis jetzt streut seine Artillerie nur im mäßigem Grad das Gelände ab, ohne Verluste herbeizuführen.

Kurz vor Beginn des Sturmangriffs wechselt das Wetter von “untertags noch heiter und warm” zu “regenschweres, tief herabhängendes Gewölk”, das den Mond verdeckt.

3:00 Uhr morgens steht jeder Mann und jedes M.G. gedeckt in einem Graben oder Granatloch (…) Kaum ist die befohlene Stellung eingenommen, so geht ein ergiebiger Regen nieder (…) Noch eine Stunde 20 Minuten bis zum Antreten. Die Truppe ist in hoher Spannung. Für den jungen Soldaten gilts heute den ersten Sturm in seinem Kriegsleben, für den – allerdings nur mehr spärlich vertretenen – alten Kämpfer den ersten großen Angriff seit Oktober 1914 (…) Genaueres über Stellung und Kräfteverteilung unseres Gegners, der 2. kanadischen Division, ist von den völlig erschöpften 69ern nicht zu erfahren gewesen. Fröstelnd wartet man. Die Minuten schleichen. Der Regen rieselt und verwandelt den Boden allmählich in einen zähen Lehmbrei. Glücklicherweise läßt uns der Engländer unbeläßtigt; er ahnt offenbar nichts von dem ihm drohenden Ungewitter.

In Ernst Jüngers weltberühmten Kriegserinnerungen “In Stahlgewittern” ist dem Dorf Fresnoy, in dem Franz verwundet wurde, ein ganzes Kapitel gewidmet. Darin heißt es unter anderem:

In Fresnoy löste eine kirchturmhohe Erdsäule die andere ab, jede Sekunde schien die vorhergehende noch übertrumpfen zu wollen. Wie durch Zaubermacht wurde ein Haus nach dem anderen vom Erdboden eingesogen; Mauern brachen, Giebel stürzten, und kahle Sparrengerüste wurden durch die Luft geschleudert, die benachbarten Dächer abmähend. Über weißlichen Dampfschwaden tanzten Wolken von Splittern. Auge und Ohr hingen wie gebannt an dieser wirbelnden Vernichtung.

Jünger war kurz vor dem Verlust Fresnoys an die Engländer in diese Gegend gekommen, um eine Nachrichten- und Beobachtungsstelle in Fresnoy zu leiten. Aus seinen Kriegstagebüchern, die ihm als Vorlage zu “In Stahlgewittern” dienten und denen er auch oben stehende Schilderung über den Beschuss von Fresnoy fast wortwörtlich entnommen hat (Eintrag vom 28.04.1917), erfahren wir, dass Jünger Anfang April in dem oben bei Reber erwähnten Dorf Baumont ankam, welches “wahnsinnig überfüllt” gewesen sei.

Kaum in Fresnoy angekommen berichtet Jünger bereits von heftigem Beschuss durch die Briten und von der Sprengung des Kirchturmes von Fresnoy durch deutsche Pioniere (dadurch sollte die feindliche Artillerie wohl einen wichtigen Orientierungspunkt verlieren).

Jünger überliefert in seinen Tagebüchern immer wieder grausame Folgen des heftigen britischen Beschusses. Am 19.04.1917 hätl Jünger fest:

Auf dem Rückweg sah ich am Marktplatz Fresnoy einen brennenden Keller. Darunter sollten 3 Mann begraben sein, verschüttet durch eine schwere Granate (…) Neben dem Keller lag mit zerfetzter Uniform ein Toter auf dem Bauche. Sein Kopf war abgerissen, das Blut war in eine Wasserpfütze geflossen. Als ein Sanitäter ihn herumlegte, um ihm seine Wertsachen abzunehmen, sah man, daß am Stumpfe seines Armes nur noch ein Daumen emporragte. Aus der schmutzigen Wunde hingen gleich weißen Fäden die Sehnen heraus. Unter den Trümmern des Kellers wird man natürlich auch nichts Lebendes mehr finden.

Über die Wirkung des Beschusses auf Fresnoy schreibt Jünger einen Tag später:

Am Abend machte ich noch einen Rundgang durch das Dorf. Es ist schon jetzt nicht mehr wieder zu erkennen. Die meisten Häuser sind schon zu Schutt geschossen. Als wir ankamen, standen Dorf und Kirche noch fast friedensmäßig. Das Kaliber dieser ungeheuren Dinger, die heute Nachmittag ins Dorf flogen, wird übrigens von den meisten alten Kriegern auf 30,5 cm geschätzt. Diese Dinger sind eigentlich grausige Gäste. So ein stilles Dörflein verschwindet fast, wenn ein solche Untier hineingeheult kommt.

Den Beschuss Fresnoys konnte Jünger vom Dach seines Beobachtungspostens genau studieren. Am 27.04.1917 notiert er ins Tagebuch:

Die Straße ist nur noch ein Chaos von Ziegelsteinen und ähnlichen Dingen, oft unterbrochen durch riesige Krater, versperrt von Telegrafenmasten, Bäumen, Gartentoren und anderen Dingern (…) Allmählich beginnt diese Menge an Einschlägen das natürliche zu werden, etwas worüber man nur staunt, wenn es nicht mehr da ist.

Jüngers Tagebuchberichte beschreiben also das immense Artilleriefeuer, dass die Briten auf Fresnoy legten, bevor sie ihren Infanterieangriff starteten. Jünger erlebte, das benachbarte Arleux eingenommen und Fresnoy sturmreif geschossen wurde, wurde aber versetzt, bevor die Briten das Dorf einnahmen. Am 28.04.1917 beschriebt er noch, wie seine Kellerunterkunft in Fresnoy durch einen indirekten Granattreffer einstürzt und die Lage allmählich “brenzlig” wird. Aus den Eindrücken dieses Granattreffers auf Fresnoy formulierte Jünger nach dem Krieg die oben zitierte Passage für “In Stahlgewittern”.

Opa Franz und seinen Kameraden kam nach Jüngers Abschied aus Fresnoy die Aufgabe zu, den Briten das Dorf wieder zu entreißen. In Rebers Regimentsgeschichte heißt es über den Sturm auf Fresnoy am Morgen des 08.05.1917:

Es ist 4:45 Uhr morgens und noch vollständig dunkel, da setzt mit einem Schlag ein tosender Feuerwirbel unserer Batterien ein; dampfend, glühend und sprühend lastet die Feuerwalze auf dem Sturmgefild, bereit sich in wenigen Minuten in Bewegung zu setzen, und alles Leben auf unserer Angriffsbahn zu zerstampfen (…) Noch ein paar Minuten und der Sturm bricht los! Alle Blicke richten sich gespannt auf die Führer. Aber den Leuten der 5. und 8. Komp.(agnie) werden die Minuten zu lang. 4:47 Uhr ist’s, da lösen sich in langen Linien aus unseren Gräben schattenhaft vorwärtsgleitende Gestalten (…) Hinter ihnen schiebt sich eine zweite, eine dritte Welle nach; die Männer sind nicht mehr zu halten.

Unter den schattenhaften Gestalten befindet sich auch Franz Mack. Der Sturmangriff gelingt nach heftigen Handgranaten- und Maschinengewehrkämpfen und unter hohen Verlusten. Engländer und Kanadier werden vertrieben und zum Teil bis hinter deren Stellungen verfolgt.

Karte Fresnoy
Karte aus Rebers “Erinnerungsblättern”.

Laut späterem Selbstzeugnis wird Franz Mack beim Sturmangriff durch eigene Artillerie verletzt. Dass es tatsächlich bei den “21ern” Opfer durch eigene Feuertätigkeit gegeben hat, beschreibt auch Reber:

Bei der 2. Komp.(agnie), die viel zu weit vorgedrungen ist, treten nun Verluste durch unser eigenes Artilleriefeuer ein; Lichtzeichen “Artilleriefeuer vorverlegen” durchschneiden die morgendliche Dämmerung. Die 4. Komp.(agnie, in der auch Franz ist, C.M) erleidet zwar empfindliche Verluste durch das Nahfeuer feindlicher Infanterie und Maschinengewehre, nimmt aber (…) über alle Schwierigkeiten hinweg den 1. und 2. Graben.

Um halb sieben Uhr morgens hat das 21. Infanterie-Regiment sein Ziel, den Park von Arleux-en-Gohelle, dem direkten Nachbarort von Fresnoy, erreicht.

(…) Bis Arleux ist weit und breit außer Toten, Schwerverwundeten, Waffen und Ausrüstungsstücken (…) nichts zu sehen. (…) In den eroberten Gräben sieht es wüst aus. Überall liegen Verwundete, um deren Zurückschaffung zu den Verbandsplätzen im bois Bernard sich die Krankenträger (…) bemühen.

Auch Franz Mack ist – ebenso wie sein Kompagnieführer Leutnant Georg Kaul, dem er als “Bursche” dient – unter den Verwundeten, die vom Schlachtfeld transportiert werden müssen. Zunächst wird Franz einen Tag lang im Feldlazarett 256 versorgt, bevor er nach Lille und schließlich in die Heimat verlegt wird.

Im Heeresbericht des 08.05.1917 heißt es über den verlustreichen Sturm auf Fresnoy lapidar:

Heute morgen stürmten unsere Truppen Fresnoy und hielten den Ort gegen englische Wiedereroberungsversuche.

Franz Macks einzig erhaltenes Selbstzeugnis zum Angriff auf Fresnoy und zu seiner Verwundung stammt aus der Zeit des Nationalsozialismus (1933) und ist Teil einer Rechtfertigungsschrift, in der Franz sich gegen den Vorwurf “Marxist” zu sein verteidigt.

Darin heißt es:

Deutschland war mir der Sinn harter Arbeit von Jugend auf, für Kasernenhof- und Kriegsdienst. Der Begriff: „Deutschland“ presste mir die Hand an den Gewehrschaft, ich knirschte das Wort als ich von deutscher Granate getroffen, in regenschwerer Nacht im schlammigen Trichterfeld lag. Sechzehn Monate Lazarettzeit, zwei Operationen, meine unangenehme Verwundungsfolgen entschuldigt ein Wort: „Deutschland“.

(…)

Einmal in meinem Leben, am 8. Mai 1917, wurde ich in dem Augenblick in den ich mit gefällten Seitengewehr (anderes Wort für Bajonett, C.M.) auf den Feind zustürmte von einer deutschen Granate in den Rücken getroffen.

Notizblock Fresnoy
Im Kalender vermerkt: Datum und Uhrzeit von Franz’ Verletzung.

Franz’ beim Sturm auf Fresnoy erlittene Kriegsverletzung prägt sein gesamtes Leben: Sie beendet für ihn nicht nur den Krieg, sondern auch seine Laufbahn als Lederzuschneider. Franz kann auf Grund der Verletzungsfolgen eine Beamtenlaufbahn einschlagen und steigt nach dem Zweiten Weltkrieg bis zum Marktamtsleiter der Stadt Nürnberg auf. Durch die Verletzung seines Rückenmarkes ist er lebenslang behindert, erlangt aber durch Therapien nach und nach seine Lebensqualität zurück. Zeitpunkt seiner Verletzung und der OP hält er in seinem Jahreskalender Fest, in dem sonst nur Geburtstage von Familienangehörigen eingetragen werden. Für Franz bedeutet die Überwindung der Verletzung also eine Art zweite Geburt.

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